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Ich seh, ich seh, du siehst mich nicht. Ghosting und Dating

Ich schreibe hier auf meinem Blog vor allem über Social Media Themen. Aber was hat mein Dating mit Männern auf meinem Medienkompetenz-Blog verloren?

Innerhalb von einem Jahr ist es mir 3 Mal passiert: Man trifft sich, versteht sich, und irgendwann wird die letzte Nachricht, die letzte Frage nicht einmal mehr gelesen. Es ist der digitale Blick der ins Leere geht, es ist das Vorbeigehen in Neuen Medien, der Cut Off. Vielleicht hänge ich mich dabei auch an den kleinen Häkchen auf Whatsapp auf – aber immer mehr frage ich mich: Warum kommt es vermehrt zu dem Phänomen von Ghosting, zu dem abrupten Abbruch in der digitalen Kommunikation? War es ein Zufall, dass es mir die Jahre davor nicht passiert ist – und ein ehrliches Nein nach mehreren Dates früher öfters drin war?

Hinter dem Aspekt der mir weh getan hat und der mich traurig gemacht hat, dass Männer die ich getroffen habe, Nachrichten nicht einmal mehr lesen und so aussteigen – hat es immer auch einen Punkt der Kommunikationswissenschaftlerin in mir getroffen – die das Phänomen interessiert hat. Es hat mich hinter meiner Wut neugierig gemacht, was dahinter steckt.  Vielleicht auch deshalb, weil ich in dem ganzen letzten Jahr mit Männern nach mehreren Treffen auch nur genau so „verabschiedet“ wurde. Aber ist das “Nicht-Lesen” von Nachrichten, oder dieses Abtauchen ohne Erklärung wirklich nur ein Mechanismus, der auf Digitale Tools, Soziale Medien oder Messenger zurückzuführen ist? Oder gibt es dazu auch andere Faktoren – die unsere Handlungsweisen mit Sozialen Medien beeinflussen?

Destiny and Growth Believes 

Raymond Knee (2013) begründete das Konzept der Destiny and Growth Believes. Dabei glauben Menschen mit „Destiny Believes“ – nach der Theorie von Knee, dass eine romantische Sympathie zwischen zwei Menschen vor allem von Anfang an vorhanden sein sollte – diese Personen streben damit eine Idealisierung der anderen Person bereits in der Kennenlernphase an. Im Gegensatz dazu glauben Menschen mit „Growth Believes“, vor allem an das Wachsen in einer Beziehung – und damit an eine Entwicklung die mit Fehlern und einer gemeinsamen Entwicklung von Anziehung in einer Kennenlernphase einhergeht.

“Taken together, the present research indicates that implicit theories of relationships are a factor in how individuals view ghosting as a relationship termination method” (Freedmann et al. 2019)

In der Studie von Freedmann et al (2019) fanden die PsychologInnen heraus, dass Ghosting vor allem von Menschen mit „Destiny Believes“ praktiziert wird – und die Idealisierung bei Nicht-Gefallen oder Antipathie mit einem abrupten Abtauchen in dieser Beziehungsform schneller und bequemer aus dem Weg gegangen werden kann. Le Febre (2018) untersuchen aktuell zudem die unterschiedlichen Gründe und Motive der Digital Natives1 beim Ghosting – und unterscheiden dabei auch verschiedene Formen dieser Kommunikationsmuster. Bei der Untersuchung der Ghoster sehen sie dabei vor allem die Angst oder auch die Bequemlichkeit als Einflussfaktor: So wird die andere Person ignoriert,  um keine verstörenden oder wütenden Nachrichten auf ein „Nein“ zu bekommen – und um damit einen bequemen Ausstieg in der Kennenlernphase zu ermöglichen. Freedmann (2018) nennen in ihrer Studie den Einsatz von digitalen Medien als wesentlich für das Ghosting: Vor allem aber deshalb, weil Ghosting nur in Asynchroner Kommunikation wie z.B. Textnachrichten im Messenger möglich ist.

Weitere Zugänge zu dem Thema könnte man sicher auch mit dem Mediatisierungsansatz schaffen. Krotz sieht in dem Konzept der Mediatisierung  (Krotz 2001,  Krotz 2014,  Krotz 2015)  die Veränderungen des kommunikativen Handelns in digitalen Medien nicht nur in der Etablierung von digitalen Tools, sondern in der Tatsache dass neue Beziehungsformen und Kommunikationsmuster auch umgekehrt Soziale Medien verändern. Hier ist es also nicht primär nur das digitale Medium, dass diese Prozesse verändert – sondern es ist ein Mittel, und ein Werkzeug – das Menschen in ihren Beziehungen und kommunikativen Kompetenzen vice versa prägt und umpolt. Le Febre (2018) sehen weitere Einflussfaktoren aber auch in der Beziehungsform und der Dauer – und in der Kontinuierlichkeit in der Kommunikation: Ergo wer viel über Messenger schreibt und textet, viel über soziale Medien kommuniziert – ist eher dazu geneigt abrupt auszusteigen – weil er der schriftlichen digitalen Kommunikation über soziale Medien eine höhere Relevanz zuschreibt.

Und jetzt? 

Ich bin nicht sonderlich souverän darin jemanden kennenzulernen. Ich bin bei Dates tollpatschig, sage die falschen Dinge oder die richtigen nicht. Aber manchmal bin ich auch froh, auch nicht souverän darin zu sein, jemanden (digital) nicht mehr zu kennen – und nicht mehr zu sehen. Denn ganz egal wie viele Studien man zu der Generation der Millenials, der Net Generation, der Generation Y und Z, und zu den Motiven und Gründen zu Ghosting liest und studiert – egal wie viele Bücher und Studien man wälzt und abwägt – egal was was man von diesen Positionen und dem Phänomen hält:

Ein ehrliches Nein ist und bleibt zeitlos – und zeugt von Mut und Respekt.


Referenzen:

Freedman, G., Powell, D. N., Le, B., & Williams, K. D. (2018). Ghosting and destiny: Implicit theories of relationships predict beliefs about ghosting. Journal of Social and Personal Relationships.

Knee, C. R., & Petty, K. N. (2013). Implicit theories of relationships: Destiny and growth beliefs. In J. A. Simpson & L. Campbell (Eds.), Oxford library of psychology. The Oxford handbook of close relationships (pp. 183-198). New York, NY, US: Oxford University Press

Krotz, F. (2001). Die Mediatisierung kommunikativen Handelns: der Wandel von Alltag und sozialen Beziehungen, Kultur und Gesellschaft durch die Medien, Wiesbaden

Krotz, F. (2014). Die Mediatisierung sozialer Welten: Synergien empirischer Forschung, Wiesbaden Springer VS

Krotz,F;  (2015). Mediatisierung und die wachsende Bedeutung visueller Kultur – zum Verhältnis zweier kommunikationswissenschaftlicher Metaprozesse, Herbert von Halem Verlag Köln

LeFebvre, L. (2017). Ghosting as a relationship dissolution strategy in the technological age. In N. M. Punyanunt-Carter & J. S.  Wrench (Eds.), The impact of social media in modern romantic relationships (pp. 219–235). New York, NY: Lexington Books.


1 Die Generation der “Digital Natives”,  die auch als Net Generation oder Millenials bezeichnet werden,  bezeichnet die Generation der ab 1980 geborenen.